Lesen Sie den Kommentar des Vorsitzenden Frieder Haid auf der nächsten Seite.
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Vor einigen Tagen habe ich La Haine gesehen, einen französischen Film aus dem Jahr 1995 über drei junge Männer in einer Pariser Banlieue. Schwarzweiß, dreißig Jahre alt – und erschreckend aktuell. Während ich den Film sah, brannten in Frankreich wieder Barrikaden. Geschäfte wurden geplündert, Polizisten mit Steinen und Flaschen angegriffen, Zehntausende Sicherheitskräfte mobilisiert. Wer La Haine heute sieht, muss sich immer wieder vergegenwärtigen: Dieser Film wurde 1995 gedreht.
Das ist verstörend, denn in diesen drei Jahrzehnten ist viel passiert. Frankreich hat Quartiere saniert, Sozialprogramme aufgelegt und Milliarden in seine politique de la ville investiert. Der französische Staat gehört heute zu den ausgabenstärksten der entwickelten Welt. 2025 entsprachen seine öffentlichen Ausgaben 57,2 Prozent der Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig ist der finanzielle Spielraum erheblich kleiner geworden. Im zweiten Quartal 2026 erreichte die Staatsverschuldung knapp 3,6 Billionen Euro oder 119 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Und trotzdem sehen wir Bilder, die seltsam vertraut wirken. Man muss deshalb eine unangenehme Frage stellen dürfen: Was, wenn Geld allein das Problem nicht löst?
La Haine macht darauf keine einfache Antwort möglich. Vinz, Saïd und Hubert erleben soziale Ausgrenzung, Perspektivlosigkeit, Polizeigewalt und Demütigung. Ihre Herkunft und ihr Wohnort prägen ihre Möglichkeiten. Wer darin nur individuelles Versagen erkennen will, hat den Film nicht verstanden. Aber die drei sind eben auch keine passiven Opfer ihrer Verhältnisse. Sie bedrohen andere, verhalten sich aggressiv und sexistisch. Während der Unruhen wird ausgerechnet Huberts Boxstudio zerstört – ein Ort, an dem etwas Eigenes entstanden war. Hubert vermutet sogar, dass Vinz beim Abbrennen dabei gewesen sein könnte. Das ist eine bittere Wahrheit sozialer Konflikte: Menschen können Opfer schlechter Verhältnisse sein und gleichzeitig dazu beitragen, diese Verhältnisse für sich und andere noch schlechter zu machen.
Beim Zuschauen habe ich gemerkt, dass es mir unangenehm war, diesen Jugendlichen Verantwortung zuzuschreiben. Vielleicht sollten wir genau über dieses Unbehagen reden. Natürlich sind unsere Entscheidungen nicht unabhängig von unseren Lebensbedingungen. Familie, Bildung, Einkommen, Diskriminierung, Wohnort, Freunde und gesellschaftliche Erwartungen prägen uns. Aber prägen sie uns – oder bestimmen sie uns?
Diese Frage beschäftigt mich auch beruflich in der Ausbildung junger Menschen. Auszubildende bringen sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Manche brauchen mehr Unterstützung als andere, manche verfügen über Ressourcen, die anderen fehlen. Die Konsequenz daraus kann aber nicht sein, ihnen weniger zuzutrauen. Ich erlebe vielmehr das Gegenteil: Junge Menschen entwickeln sich dort, wo wir ihnen angemessene Verantwortung übertragen, wo sie Entscheidungen treffen dürfen, wo wir sie unterstützen, wenn sie Hilfe benötigen, aber anschließend auch erwarten, dass sie ihr Handeln begründen und reflektieren. Daraus ist für mich ein einfacher pädagogischer Grundsatz entstanden: Verantwortung ist nicht erst das Ergebnis von Ausbildung. Verantwortung ist ein Medium von Ausbildung.
Vielleicht sollten wir diesen Gedanken stärker auf Politik übertragen. Sozialdemokratische Politik muss gesellschaftliche Verhältnisse verändern. Wir brauchen gute Schulen, funktionierende Infrastruktur, bezahlbares Wohnen, Ausbildungschancen, Schutz vor Diskriminierung und einen Sozialstaat, der Menschen auffängt. Aber das Ziel all dessen kann nicht dauerhafte Kompensation sein. Das Ziel muss Handlungsfähigkeit sein.
Denn irgendwann wird aus einer gut gemeinten Erklärung problematischen Verhaltens eine problematische Botschaft: Du konntest gar nicht anders. Deine Herkunft, dein Viertel und deine Erfahrungen haben dich dazu gemacht. Das klingt zunächst mitfühlend. Aber vielleicht beginnt Geringschätzung genau dort, wo wir einem Menschen nicht mehr zutrauen, anders handeln zu können. Wer Menschen als mündige Bürger ernst nimmt, muss ihnen deshalb beides zugestehen: das Recht auf Unterstützung und die Verantwortung für das eigene Handeln. Die Gesellschaft trägt Verantwortung dafür, welche Handlungsspielräume sie eröffnet. Der Einzelne trägt Verantwortung dafür, wie er seinen tatsächlichen Handlungsspielraum nutzt.
Oder anders gesagt: Mündigkeit ist keine anthropologische Voraussetzung, sondern eine institutionell zu ermöglichende und individuell zu verantwortende Praxis.
La Haine erzählt die Geschichte eines Mannes, der aus einem Hochhaus fällt. Während er an den Stockwerken vorbeifällt, beruhigt er sich immer wieder: „Bis hierhin lief es noch ganz gut.“ Entscheidend, heißt es, sei nicht der Fall. Entscheidend sei die Landung.
Dreißig Jahre nach La Haine sollte uns die Aktualität des Films beunruhigen. Frankreich hat viel Geld ausgegeben und viel versucht. Trotzdem sind soziale Spaltung, Jugendgewalt und die Entfremdung von staatlichen Institutionen nicht verschwunden. Vielleicht müssen wir deshalb nicht weniger Sozialpolitik wagen, sondern eine anspruchsvollere: eine Sozialpolitik, die Menschen unterstützt, ohne sie kleinzumachen, die Benachteiligung bekämpft, ohne aus Benachteiligten Unmündige zu machen, und die Chancen eröffnet und anschließend auch Verantwortung erwartet.
Befähigung statt Anpassung. Entwicklung durch Verantwortung. Ziel ist Handlungsfähigkeit. Handlungsfähigkeit von Individuum, Gesellschaft, Politik und Sozialdemokratie.
Denn irgendwann kommt die Landung.
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